22. Dezember 2016 || 16:50 Uhr

Der Tannenbaum von Hans Christian Andersen

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Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum. Er hatte einen guten Platz; Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und rings umher wuchsen viele größere Kameraden, sowohl Tannen, als Fichten. Der kleine Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da umhergingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: „Nein! wie niedlich klein ist der!“ Das mochte der Baum gar nicht hören.

Im folgenden Jahre war er um ein langes Glied größer, und das Jahr darauf war er um noch eins länger; denn an den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.

„O, wäre ich doch so ein großer Baum, wie die andern!“ seufzte das kleine Bäumchen; „dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester in meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!“

Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den rothen Wolken, die Morgens und Abends über ihn hinsegelten.

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War es dann Winter, und der Schnee lag funkelnd weiß rings umher, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg – o, das war ihm so ärgerlich! – Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, daß der Hase um dasselbe herumlaufen mußte. O, wachsen, wachsen, groß und alt werden: das ist doch das einzig Schöne in dieser Welt, dachte der Baum.

Im Herbste kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und der junge Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden ihnen abgehauen; die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.

Wo sollten sie hin? Was stand ihnen bevor?

Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte der Baum sie: „Wißt Ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid Ihr ihnen nicht begegnet?“

Die Schwalben wußten nichts, aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube wohl! Mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Aegypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, daß sie es waren; sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; die prangen, die prangen!“

„O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Wie ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?“

„Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,“ sagte der Storch, und damit ging er fort.

„Freue Dich Deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen; „freue Dich Deines frischen Wachsthums, des jungen Lebens, das in Dir ist!“

Und der Wind küßte den Baum, und der Thau weinte Thränen über ihn; aber das verstand der Tannenbaum nicht.

Wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte, sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.

„Wohin sollen die?“ fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht größer, als ich, vielmehr war einer da, der war viel kleiner! Weshalb behalten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?“

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„Das wissen wir! das wissen wir!“ zwitscherten die Sperlinge. „Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man nur denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und haben wahrgenommen, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Aepfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern geschmückt werden.“

„Und dann – ?“ fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann? Was geschieht dann?“

„Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich.“

„Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?“ jubelte der Tannenbaum. „Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß und ausgewachsen, wie die andern, die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre ich doch in der warmen Stube mit aller Pracht und Herrlichkeit! Und dann -? Ja dann kommt noch etwas Besseres, noch weit Schöneres, weshalb würden sie mich sonst so schmücken! Es muß noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen -! Aber was? O, ich leide! ich sehne mich! ich weiß selbst nicht, wie mir ist!“

„Freue Dich unser!“ sagten die Luft und das Sonnenlicht; „freue Dich Deiner frischen Jugend im Freien!“

Aber er freute sich durchaus nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer stand er grün, dunkelgrün stand er da; die Leute, die ihn sahen, sagten: „Das ist ein schöner Baum!“ Und zur Weihnachtszeit wurde er vor Allen zuerst gefällt. Die Art hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht; er konnte gar nicht an irgend ein Glück denken, er war betrübt, von der Heimath scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen rings umher, nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise war durchaus nicht angenehm.

Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er, im Hofe mit andern Bäumen abgepackt, einen Mann sagen hörte: „Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!“

Nun kamen zwei Diener in vollem Putz und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Rings herum an den Wänden hingen Bilder, und neben dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da gab es Schaukelstühle, seidene Sophas, große Tische voller Bilderbücher, und Spielzeug für hundertmal hundert Thaler – wenigstens sagten das die Kinder. Und der Tannenbaum wurde in ein großes mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber Niemand konnte sehen, daß es ein Faß war, denn es wurde rund herum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen bunten Teppich. O, wie der Baum bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Sowohl die Diener, als die Fräulein schmückten ihn. An einen Zweig hängten sie kleine Netze, ausgeschnitten aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Aepfel und Wallnüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen, und über hundert rothe, blaue und weiße Lichterchen wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaftig wie Menschen aussahen – der Baum hatte früher nie solche gesehen – schwebten im Grünen, und hoch oben auf der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt; das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig.

„Heut Abend,“ sagten Alle, „heut Abend wird es strahlen!“

„O!“ dachte der Baum, „wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?“

Ja, er rieth nicht übel! Aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum eben so schlimm, wie Kopfschmerzen für uns Andere.

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich.

„Gott bewahre uns!“ schrieen die Fräulein und löschten es hastig aus.

Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Grauen! Ihm war so bange, etwas von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. – Und nun gingen beide Flügelthüren auf – und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen; die ältern Leute kamen bedächtig nach. Die Kleinen standen ganz stumm – aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es nur so schallte; sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.

„Was machen sie?“ dachte der Baum. „Was soll geschehen?“ Und die Lichter brannten bis dicht an die Zweige herunter, und jenachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubniß, den Baum zu plündern. O, sie stürzten auf ihn ein, daß es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldsterne an der Decke befestigt gewesen, so wäre er umgestürzt.

Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, Niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen worden wäre.

„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann zu dem Baume hin; und er setzte sich gerade unter denselben, „denn da sind wir im Grünen,“ sagte er, „und der Baum kann besondern Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur Eine Geschichte. Wollt Ihr die von Ivede-Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt?“

„Ivede-Avede!“ schrieen Einige, „Klumpe-Dumpe!“ schrieen Andere; das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz stille und dachte: „Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu thun haben?“ Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte.

Und der Mann erzählte von „Klumpe-Dumpe,“ welcher die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: „Erzähle! erzähle!“ Sie wollten auch die Geschichte von Ivede- Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll; nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. „Klumpe-Dumpe fiel die Treppen herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!“ dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte. „Ja, ja! wer kann es wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppe herunter und bekomme eine Prinzessin.“ Und er freute sich darauf, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten angeputzt zu werden.

„Morgen werde ich nicht zittern!“ dachte er. „Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.

Am Morgen kamen der Diener und das Mädchen herein.

„Nun beginnt der Schmuck aufs Neue!“ dachte der Baum. Aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinan, auf den Boden, und hier, in einem dunkeln Winkel, wo kein Tageslicht hinschien, stellten sie ihn hin. „Was soll das bedeuten?“ dachte der Baum. „Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?“ Und er lehnte sich an die Mauer und dachte und dachte. – – Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte: Niemand kam herauf; und als endlich Jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen. Nun stand der Baum ganz versteckt; man mußte glauben, daß er völlig vergessen war.

„Jetzt ist es Winter draußen!“ dachte der Baum. „Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier in Schutz stehen! Wie wohlbedacht das ist! Wie die Menschen doch so gut sind! – Wäre es hier nur nicht so dunkel und so erschrecklich einsam! – Nicht einmal ein kleiner Hase! – Das war doch so niedlich da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase sprang vorbei; ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals konnte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!“

„Pip, pip!“ sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen seine Zweige.

„Es ist eine gräuliche Kälte!“ sagten die kleinen Mäuse. „Sonst ist es hier gut sein! Nicht wahr, Du alter Tannenbaum?“

„Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Tannenbaum; „es gibt viele, die weit älter sind, als ich!“

„Wo kommst Du her?“ fragten die Mäuse, „und was weißt Du?“ Sie waren so gewaltig neugierig. „Erzähle uns doch von dem schönsten Ort auf Erden! Bist Du dort gewesen? Bist Du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett heraus kommt?“

„Das kenne ich nicht!“ sagte der Baum. „Aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und wo die Vögel singen!“ Und dann erzählte er Alles aus seiner Jugend, und die kleinen Mäuse hatten früher dergleichen nie gehört und sie horchten auf und sagten: „Nein, wie viel Du gesehen hast! Wie glücklich Du gewesen bist!“

„Ich?“ sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. „Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!“ – Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.

„O!“ sagten die kleinen Mäuse, „wie glücklich Du gewesen bist, Du alter Tannenbaum!“

„Ich bin gar nicht alt!“ sagte der Baum. „Erst diesen Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin nur so im Wachsthum zurückgeblieben.“

„Wie schön Du erzählst!“ sagten die kleinen Mäuse. Und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier andern kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an Alles und dachte: „Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wieder kommen; Klumpe-Dumpe fiel die Treppen herunter und erhielt doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen!“ Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine, niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war für den Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin.

„Wer ist Klumpe-Dumpe?“ fragten die kleinen Mäuse. Und dann erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen; er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; und die kleinen Mäuse waren nahe daran, aus reiner Freude bis in die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse, und am Sonntage sogar zwei Ratten; aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon.

„Wissen Sie nur die eine Geschichte?“ fragten die Ratten.

„Nur die eine!“ sagte der Baum; „die hörte ich an meinem glücklichsten Abend; damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.“

„Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Wissen Sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammer-Geschichte?“

„Nein!“ sagte der Baum.

„Dann danken wir dafür!“ erwiederten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück.

Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: „Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! – Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgenommen werde!“

Aber wann geschah das? – Ja! es war eines Morgens, da kamen Leute und wirthschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn sogleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete.

„Nun beginnt das Leben wieder!“ dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen und – nun war er draußen im Hofe. Alles ging so geschwind; der Baum vergaß völlig, sich selbst zu betrachten; da war so Vieles rings umher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und Alles blühte darin; die Rosen hingen so frisch und duftend über das kleine Gitter heraus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: „Quirre-virre-vit, mein Mann ist kommen!“ Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.

„Nun werde ich leben!“ jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus: aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da im Winkel zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein.

Im Hofe selbst spielten ein paar der muntern Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.

„Sieh, was da noch an dem häßlichen, alten Tannenbaum sitzt!“ sagte es und trat auf die Zweige, sodaß sie unter seinen Stiefeln knackten.

Und der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten; er betrachtete sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe- Dumpe angehört hatten.

„Vorbei! vorbei!“ sagte der alte Baum. „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! vorbei!“

Und der Knecht kam und hieb den Baum in kleine Stücke; ein ganzes Bündel lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel; und er seufzte so tief, und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten in dasselbe hinein und riefen: „Piff! Piff!“ Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im Walde, oder eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wußte, und dann war der Baum verbrannt.

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Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen; nun war der vorbei, und mit dem Baume war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei – und so geht es mit allen Geschichten!

 

 

Hans Christian Andersen (1805-1875)

 

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Hans Christian Andersen. WIKIMEDIA/THORA HALLAGER

Das Märchen vom «Tannenbaum» veröffentlichte Hans Christian Andersen erstmals am 21. Dezember 1844, zusammen mit der «Schneekönigin». Die Hauptperson ist ein kleiner Baum, den es schon vom zartesten Alter an wegzieht von seinem Ursprungsort im Wald, und hineindrängt in die geheimnisvolle Weihnachtsstube. Als es endlich soweit ist, und der Baum geschlagen wird, bricht bei ihm vor lauter Aufregung und Vorfreude das Borkenweh aus. Aber kaum ist er geschmückt, kaum sind die Lichter entzündet, ist es schon wieder vorbei mit der Herrlichkeit. «Und so geht es mit allen Geschichten: vorbei, vorbei.»

 

Bilder: Screenshot Internet

Titelbild: Kinderwelt

2 Kommentare

  • hans:riedl says:

    Weihnacht, wias kummt, so alle Johr,
    drauf gfrein si die kina und a di Leit.
    Da Bam is gschmuckt mit Engelshoar.
    Aba wos bedeits in da heitigen Zeit?
    Wo alls zuadeckt is mit Herrlichkeit.

    Aba tiaf in uns a Sehnen, a Hoffen,
    die Geburt zu da Zeit mocht uns betroffn.
    Wia sulln ma umgia mit diesa Gschicht.
    nur Halleluja sing´n, passt des zu unserm Gsicht?

    Wo ols so modern is und a Gfühl zoagn, net is in.
    Weihnacht hot fi mi an aondrn Sinn,
    vielleicht weil i a scho älter bin?
    Habs anders erlebt im groaßen Kroas da Familie
    do wors singa, beten und oanfach zum glabn, da Wille.

    Loss ma des Kind in uns wieda zum Vurschein kumma,
    zind ma an, die Kerzen am Bam,
    nema uns bei da Hond san net alloan, mia homa a dahoam.

    Moch ma auf unsa Herz, die Stüll sull si vabreiten.
    Dann kann ma a wieda hern, di Glockn leiten.
    Weihnachtsfreid und Weihnachtsfrieden
    sull ollen Leitn hier sein beschieden.

    grete riedl

  • hans:riedl says:

    Gedanken
    Sinnend geh ich durch den verschneiten Winterwald.
    Unter den Stiefeln knirscht der Schnee, es ist kalt.
    Mein Atem gefriert, Raureif legt sich über mein Gesicht.
    Wärme macht sich in mir breit, ich spür die Kälte nicht.

    Etwas Eigenartiges, stilles, Zartes liegt in der Luft,
    es durchflutet meine Seele, empfinde einen süßen Duft.
    Die Tiere halten Winterschlaf. Die Vögel schweigen.
    Schneegestöber und Eiskristalle tanzen ihren Reigen.

    Die Natur hat sich bereitgemacht für die kommende Zeit.
    Das Wunder der Weihnacht kündigt sich an,
    es ist bald soweit.
    Meine Gedanken schweifen zurück in meine Kindertage,
    brav mussten wir sein, oft schwierig, keine Frage.
    Trotz Armut haben wir Advent und Weihnacht genossen,
    Geschenke gab es kaum, es hat uns nicht verdrossen.

    Wir hatten Eltern, die es verstanden,
    das Feuer in uns zu entzünden.
    Uns Kindern von der Frohbotschaft zu verkünden.
    Mit Gebeten, Kerzen, Tannenduft und Glockenklingen,
    schöne Weihnachtslieder durften wir gemeinsam singen.

    Im Schoß der Großfamilie fühlten wir Kinder uns wohl,
    unser Leben war auch ohne Spielzeug
    nicht leer und hohl.
    Nachdenklich führt mich mein Weg, dunkel wird es bald.
    mein ganzes Leben spult sich wie ein Film vor mir ab.

    Heute, die Kinder und Enkel sind groß, leben ihr Leben,
    könnte ihnen meine Erfahrungen nun weitergeben.
    Die Zeiten haben sich geändert, sie sind nun modern,
    von früher, wollen sie nichts wissen, hören es nicht gern.
    Wirre Gedanken gehen mir oft durch den Sinn.
    Was hätte ich besser machen können, gleich zu Beginn?

    Schaffte ich es in ihnen Gefühle zu erwecken,
    damit sie Jahr für Jahr
    können Weihnacht neu entdecken?
    Tief in Gedanken sinnierend, schlendere ich so dahin,
    kann diese ordnen, kehrt Friede ein im Herzen drin.

    Dankbar bin ich, für Höhen und Tiefen, es geht mir
    gut, dieses Gefühl der Geborgenheit,
    des Vertrauens tief in mir ruht.
    So lenke ich meine Schritte wieder meinem Hause zu.
    In mir ist eingekehrt der Friede, die weihnachtliche Ruh.
    grete:riedl

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